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Ausgewählte Ausgabe: 11-2017 Ansicht: Modernes Layout
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„Mit Klein-Klein allein wird es nicht gehen“

ENERGIEPOLITIK | Die globale Energienachfrage steigt stetig. In den Industrienationen stehen hierbei Themen wie Digitalisierung, Automatisierung und Elektromobilität im Vordergrund. In Schwellen- und Entwicklungsländern bekommen immer mehr Menschen Zugang zu elektrischer Energie und passen ihr Konsumverhalten entsprechend an. Damit einher geht der weltweit steigende Bedarf an Energietechnologien. Die Forderung nach effizienten und klimafreundlichen Technologien hat nicht zuletzt durch das Pariser Klimaschutzabkommen eine zusätzliche politische Bedeutung bekommen, meint Matthias Zelinger, Energiepolitischer Sprecher des VDMA, Frankfurt am Main.


Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ist weltweit führend in der Entwicklung nachhaltiger Energietechnologien und unterstützt damit maßgeblich die Umsetzung der Energiewende. Um die Position Deutschlands als Leitmarkt im international immer härter werdenden Wettbewerb beizubehalten und auszubauen, bedarf es jetzt einer klaren zukunftsgerichteten Politik anstelle von kleinem Karo und Formelkompromissen.
Energie- und Klimapolitik waren im Bundestagswahlkampf kein Schlüsselthema. Sie werden aber eine große und bei der absehbaren Konstellation spannende Aufgabe für die nächste Regierung. Wenn es gelingt, den Wandel von einer Stromwende zu einer breiten Energiewende mit hohem grünen Ambitionsniveau und einem umfassenden liberalen Marktrahmen zu verbinden, kann die Rolle Deutschlands und Zentraleuropas als Leitmarkt für Energietechnologien gestärkt werden.
Die ambitionierten klimapolitischen Ziele, die sich Deutschland und die EU gesetzt haben, erfordern die Treibhausgas-Neutralität des Energiesystems der Zukunft, dessen Gestaltung auf Effizienz ausgerichtet, möglichst technologieoffen, sektor- und energieträgerübergreifend sein muss. Energiepolitik sollte den großen Rahmen mit einer verlässlichen Gesetzgebung abstecken und damit möglichst langfristig Innovationen und Investitionen der Wirtschaft ermöglichen. Gleichzeitig muss sie künstliche Hürden erkennen und abbauen. Das Pariser Klimaschutzabkommen wird nur dann erfolgreich sein, wenn eine wirtschaftliche Umsetzung durch zukunftsfähige Technologien gelingt.
Entscheidend ist die zuverlässige und nachhaltige Umsetzung der gesetzten Klimaschutzziele in der gesamten EU. Mit der aktuellen Reform des Emissionshandels muss es gelingen, eine Lenkungswirkung nicht nur über die Menge, sondern auch Innovationsanreize und Marktveränderung über den Preis zu erzielen. Bleibt dies aus, muss sich die deutsche Politik für eine CO2-Bepreisung auf internationaler Ebene einsetzen – der französische Präsident hat gerade eine entsprechende Initiative gestartet. Die Kostensenkungen bei erneuerbaren Energien haben die Option geschaffen, diese über den Markt zu finanzieren. Wer mittelfristig aus dem finanziellen Fördersystem des EEG raus will, muss in eine nachhaltigere CO2-Bepreisung rein. Diese kann viele kleinteilige Instrumente ersetzen, sie sollte deshalb nicht automatisch als marktverzerrend abgelehnt werden.
Die Gestaltung des Wandels von der Strom- zur Energiewende, also zur treibhausgasneutralen Versorgung auch von Industrie, Verkehr und Gebäuden, erfordert, dass alle Technologie- und Flexibilitätsoptionen im fairen Wettbewerb zueinanderstehen. Speicher, flexible Kraftwerke und Lastmanagement müssen hierfür gleiche Randbedingungen haben. Zudem muss sich der Ausbau der erneuerbaren Energien unter Berücksichtigung der Sektorkopplung konsequent weiterentwickeln und an den Bedarf der zusätzlichen Verbraucher angepasst werden.
Der Umbau der Stromerzeugung muss mit dem Stromnetzausbau – zu dem sich die neue Bundesregierung klar bekennen muss – sowie anderer Infrastruktur, wie jene für Wärme und Gas, verzahnt werden. Um die Energiewende bezahlbar zu machen, müssen Netz- und Systemkosten eingedämmt werden. Digitalisierung und Nutzung der Transport- und Speicherpotenziale über den Strom hinaus sind hier zusätzliche Optionen. Thermische Kraftwerke werden einen großen Beitrag leisten, müssen aber durch den Einsatz treibhausgasneutraler Brennstoffe sowie mithilfe von Flexibilisierungslösungen zukunftsfähig gemacht werden.
Ziel ist es, Energieeffizienz und Kostenreduktion in allen Bereichen des Energiesystems zu erreichen. Die enormen Kostensenkungen im Bereich der erneuerbaren Energien (vor allem bei Windenergie und Photovoltaik) eröffnen ganz neue Potenziale und zeigen deutlich, dass vergleichsweise junge Technologien inzwischen wettbewerbsfähig im Stromsystem agieren können. Klimaschutz kann nur dann langfristig erfolgreich umgesetzt werden, wenn der politische Rahmen für die Akteure Voraussetzungen schafft, die unternehmerisches Handeln ermöglichen.

www.vdma.org

Autoren
Bild: VDMA

 Matthias Zelinger

Geschäftsführer Fachverband Power Systems und Energiepolitischer Sprecher des VDMA, Frankfurt am Main.

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