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Ausgewählte Ausgabe: 11-2017 Ansicht: Modernes Layout
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„Integration der erneuerbaren Energien über alle Sektoren beschleunigen“

ENERGIEWENDE | Grundsätzlich sollte bei der Umsetzung der Klimaschutzziele der Bundesregierung und den Ausbauzielen der erneuerbaren Energien die Gesamtoptimierung des Energiesystems im Mittelpunkt stehen. Ziel ist es, die kosteneffiziente Integration der erneuerbaren Energien über alle Sektoren zu beschleunigen. Technologie- und Innovationsoffenheit sind dabei die Garanten, dass sich über Wettbewerb die besten und wirtschaftlichsten Ideen durchsetzen. Entscheidend ist, dass der Kunde auch in der Zukunft zwischen den verschiedenen Technologien und Energieträgern wählen kann und sie ihm nicht oktroyiert werden, so Michael Riechel, Vorsitzender des Vorstandes der Thüga AG, München.


Rund 95 % des erneuerbaren Stroms werden auf der Ebene der Verteilernetze eingespeist, also direkt beim Kunden. Deswegen sollte der Erhalt und Ausbau der kommunalen, lokalen und regionalen Netze und Erzeugungsanlagen Vorrang haben, um die Kosten auf den vorgelagerten Ebenen zu minimieren. Eine wichtige Ergänzung ist dabei die bestehende Gas- und Wärmeinfrastruktur, deren Potenziale in der Sektorenkopplung noch lange nicht erschöpft sind.
Als größtes Netzwerk kommunaler Unternehmen in Deutschland sind aus unserer Sicht 15 Punkte für eine erfolgreiche Energiewende und einen effizienten Klimaschutz entscheidend:

  •  Der EU-Emissionshandel entfaltet derzeit leider keine Lenkungswirkung. Wir fordern eine ambitionierte ETS-Reform – statt einseitiger nationaler Eingriffe in den ETS-Sektor.
  • Die Versorgungssicherheit rund um die Uhr ist elementar für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie – dazu brauchen wir Gas als flexiblen und CO2-armen Energieträger.
  • CO2-Vermeidungskosten von Technologien sollten stärker als Entscheidungsparameter für die Politik und die Ausgestaltung von Förderprogrammen genutzt werden.
  • Die hohe Komplexität und Bürokratie im Energiesystem gilt es zu reduzieren, dies würde den Wandel beschleunigen und die Akzeptanz erhöhen. Eine gemeinsame Expertenkommission aus Wirtschaft und Bundesverwaltung sollte Lösungsvorschläge ausarbeiten.
  • Die Nutzung bestehender Strom-, Gas- und Fernwärmenetze ist der beste Weg für eine schnelle und kosteneffiziente Dekarbonisierung. Dies gilt sowohl für den Wärmebereich als auch für den Verkehrsbereich mit Gas- und Elektromobilität. Letztere haben deutlich geringere CO2- und Feinstaubemissionen als konventionelle Antriebe. Vorfestlegungen der Bundesregierung in Richtung Vollelektrifizierung sind hingegen technisch nicht umsetzbar, unwirtschaftlich, entwerten kommunale Infrastrukturen.
  • Die tragende Rolle der Verteilnetzbetreiber und deren neue Aufgaben müssen im EnWG klar gegenüber der Rolle der Übertragungsnetzbetreiber gestärkt werden. Dabei müssen der wachsende Beitrag zur Systemstabilität, ein eigenständiges Engpassmanagement sowie der Einsatz von Flexibilitäten im Verteilnetz ermöglicht werden.
  • Der Regulierungsrahmen ist weiter zu modernisieren. Um Netzausbau zu reduzieren, sollte der Einsatz neuer Technologien angereizt werden (Opex-Rendite). Zudem muss das Netzentgeltsystem ganzheitlich modernisiert werden.
  • Die Umstellung auf wettbewerbliche Ausschreibung bei der Förderung von Erneuerbaren begrüßen wir. Die Sonderrolle einzelner Akteursgruppen sollte entfallen.
  • Die deutschen KWK-Systeme sind einzigartig in ihrer Größe und Vielfalt. Anreize weg von Kohle und hin zu mehr Gas, Erneuerbaren und Abwärme sollten ausgebaut werden.
  • Flexible Backup-Gaskraftwerke sind zukünftig zur Systemabsicherung nötig. Gelegentliche Peak-Preise stellen allerdings keinen stabilen Anreiz zum Kraftwerksbau dar. Daher sollte perspektivisch ein dezentraler Leistungsmarkt eingeführt werden.
  •  Die Energiespeicher sind ein unverzichtbarer Teil der Energiewende, sie ermöglichen die Integration der Erneuerbaren und sollten – ohne Wettbewerbsverzerrungen – rechtlich wie regulatorisch angereizt werden.
  •  Mit Power-to-Gas (PtG) und Biogaseinspeisung ins Gasnetz kann erneuerbarer Strom saisonal gespeichert und jederzeit flexibel für Wärme, Mobilität und Strom genutzt werden. Deswegen sollte der Bau von PtG-Anlagen mit einem Marktanreizprogramm unterstützt und Anreize für die Biogaseinspeisung ins Gasnetz geschaffen werden.
  •  Erneuerbare Gase sollten in der EnEV anerkannt werden, um unmittelbare CO2-Minderungen zu erzielen. Nur so haben Hauseigentümer einen Anreiz zu deren Nutzung.
  •  Heizungssanierungen sind einfacher, schneller und günstiger umsetzbar als bei Komplettsanierungen von Häusern – die Akzeptanz beim Kunden ist entsprechend höher. Neben der Erhaltung der KfW-Förderprogramme sollte für Effizienzmaßnahmen eine steuerliche Absetzbarkeit eingeführt werden.
  •  Stadtwerke können durch ihre Bürgernähe die Energiewende positiv erlebbar machen. Sie sind damit Garanten einer Kundenintegration in die Energiewende – dies sollte die Politik stärker nutzen. Wesentlich erscheint hier, Stadtwerkekooperationen zu erleichtern und anzureizen.

www.thuega.de

Autoren
Bild: Falk Heller

 Michael Riechel

Vorsitzender des Vorstandes der Thüga AG, München.

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