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Ausgewählte Ausgabe: 11-2017 Ansicht: Modernes Layout
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„Endlich die Hebel an den richtigen Stellen ansetzen“

KLIMASCHUTZ | Deutschland galt viele Jahre als Vorbild in Sachen Klimaschutz und wurde für seinen Mut bewundert, nach Fukushima einen grundlegenden Umbau des Energiesektors einzuleiten. Die Energiewende stieß in der Bevölkerung nicht nur auf breite Zustimmung, sie wurde von den Bürgern getragen. Wie es heute aussieht, schildert Josef Hasler, Vorstandsvorsitzender der N-Ergie Aktiengesellschaft, Nürnberg.


Seit langem liegen die jährlichen CO2-Emissionen fast unverändert bei über 900 Mio. t, und das Einsparziel der Bundesregierung, die Emissionen bis 2020 auf maximal 750 Mio. t CO2 / a zu reduzieren, wird krachend verfehlt. Wenn es um den Klimaschutz geht, blickt die Welt inzwischen eher nach China als nach Deutschland. Das ist nicht nur für das Klima eine Katastrophe, sondern auch für das internationale Vertrauen in die Entwicklung des Industriestandorts Deutschland.
Wie konnte es so weit kommen? Dafür gibt es ein ganzes Bündel an Gründen. Manche sind auf der EU-Ebene zu suchen: So bleibt etwa der Emissionshandel nahezu wirkungslos. In Deutschland erlebt die Energiewende eine Legitimations- und Glaubwürdigkeitskrise. Die Bürger fühlen sich nicht mehr mitgenommen, sondern begreifen sich als Betroffene und Zahlmeister. Das beginnt mit der ungleichen Verteilung der Lasten, bei der das Verursacherprinzip keine Rolle spielt, und endet mit dem massiven Ausbau der Übertragungsnetze, dessen Notwendigkeit umstritten ist.
Neben diesen Legitimationsproblemen liegt aus meiner Sicht ein grundlegender Fehler in der Verengung aller Anstrengungen auf den Stromsektor. Damit bleibt ein riesiges Potenzial für den Klimaschutz ungenutzt. Schließlich wird im Wärmesektor rund zweieinhalb Mal so viel Energie verbraucht wie im Stromsektor, im Verkehrssektor ist es das Anderthalbfache.
Deshalb plädiere ich für eine ganzheitliche Energiewende, die alle Sektoren einschließt und intelligent miteinander verknüpft. Die dafür erforderlichen Technologien haben sich in den vergangenen Jahren deutlich schneller weiterentwickelt als erwartet. So reduzierten sich die Kosten für Photovoltaik (PV)-Anlagen in den vergangenen zehn Jahren um nahezu 85 %. Für Batteriespeicher prognostizieren Fachleute in den kommenden zehn Jahren eine Halbierung der Kosten. Auch die Elektromobilität nimmt langsam an Fahrt auf.
Die Voraussetzungen sind also entweder bereits vorhanden oder lassen sich schaffen, vorausgesetzt die Politik weitet den Blick auf Lösungen jenseits des Übertragungsnetzausbaus. Um beispielsweise den für eine ganzheitliche Energiewende elementaren Speichereinsatz attraktiver zu machen, dürfen Speicher nicht länger gleichzeitig als Erzeuger und Letztverbraucher definiert werden, sodass auf ein- und ausgespeicherten Strom sämtliche Steuern und Abgaben entfallen.
Um die Bürger wieder aktiv an der Energiewende zu beteiligen, muss die Politik Hürden abbauen. Bis zur Verabschiedung des Mieterstromgesetzes vor wenigen Monaten war die Nutzung des eigenen PV-Stroms weitgehend den Hauseigentümern vorbehalten. Die Schaffung eines rechtlichen Rahmens für die Mieter war längst überfällig. Zumindest beim für die Sektorkopplung zentralen Bereich der Elektromobilität sollte die Politik dieses Versäumnis nicht wiederholen und Bewohnern in Mehrfamilienhäusern den Zugang zur Nutzung von Elektromobilität durch eine frühzeitige Anpassung des Wohnungseigentumsgesetzes erleichtern.
Die Energiewende ist ohne Ausbau der Stromnetze nicht möglich, das erforderliche Ausmaß bei den Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs (HGÜ)-Trassen bleibt jedoch umstritten. Von der Politik erwarte ich hier eine ernsthafte und ergebnisoffene Prüfung der Alternativen: ein integriertes Marktmodell, das die Wirkungen der unterschiedlichen Alternativen zum Netzausbau und den Netzausbau selbst berücksichtigt. Zudem würde es der Verursachungsgerechtigkeit entsprechen, wenn die Folgekosten für den Netzausbau durch lastfernen Zubau von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien zumindest anteilig von den Investoren dieser Anlagen übernommen würden. Mit diesen Mitteln, zum Beispiel in Form eines Netzentgelts für Einspeiser, könnten die Stromkunden dann entlastet werden – ein Beitrag zur Legitimation der Energiewende.
Auf der europäischen Ebene muss auf dem Markt für Emissionszertifikate (ETS) nach jahrelangem Stillstand endlich Bewegung kommen, denn der ETS ist nach meiner Überzeugung das richtige Instrument für wirksamen Klimaschutz in Europa. Neben der Reduzierung der Zertifikate als Marktanreiz für klimafreundliches Agieren sollten auch deutlich mehr Sektoren verpflichtend in das System integriert werden. Wichtig wäre es aus meiner Sicht dabei, dass die einzelnen Marktteilnehmer technologieoffen wirken können, um ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
Wenn die Politik dann noch ihren Blick auf das gesamte Energiespektrum richten würde, also auch den Mobilitäts- und Wärmemarkt mit einbezöge, wäre bereits einiger verlorener Boden wieder gut gemacht. Hierbei sollte neben der Anwendung von Strom in der Mobilität auch die Stromanwendung im Wärmemarkt gefördert werden, etwa in Form von hybriden Wärmepumpen oder der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) in Verbindung mit Power-to-Heat (PtH)-Systemen.
Die künftige Regierung ist nun gefordert zu entscheiden, wo die Entwicklung hingehen soll. Weiter so im zaghaften und beschränkten Klein-Klein oder wieder groß denken und eine umfassende, erfolgreiche Energiewende auf den Weg bringen – eine Energiewende, die auch dem Klimaschutz dient. Die technologischen Voraussetzungen für diesen zweiten Weg sind besser denn je, und für ein überzeugendes Konzept würden sich auch die Bürger wieder gern engagieren. Noch ist es nicht zu spät, das Ruder herumzureißen.

www.n-ergie.de

Autoren
Bild: N-Ergie

 Josef Hasler

Vorstandsvorsitzender der N-Ergie Aktiengesellschaft, Nürnberg.

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